Thursday, September 20, 2007

2006 - Interview Karl Bartos (EX-Kraftwerk) GERMAN language



Karl Bartos Interview 18.01.2006

Karl Bartos:

Hallo

TJ:

Schönen Guten Tag, Near FM hier aus Dublin. Ist das Karl?

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Am Apparat

TJ:

Hallo, Grüsse dich. Vielen Dank für die ermöglichung des Interviews

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Ja, gerne.

TJ:

Dann legen wir mal los. Die erste Frage die ich hätte ist: Du hast Kraftwerk 1991 verlassen und möchtest diese Zeit wahrscheinlich auch hinter dir lassen

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Die ist schon hinter uns.

TJ:

Ich nehme jetzt einfach mal an, dass die Leute sicherlich versuchen, dich immer wieder auf Kraftwerk anzusprechen.

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Sie versuchen es, ich antworte aber nicht.

TJ:

Dann werde ich auch gar nicht darüber reden. Eine Frage hätte ich aber dann doch: Du hast „Das Modell“ geschrieben?

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Mitgeschrieben, wir waren drei Autoren. Der Text war zuerst da und die Musik hab ich mit Ralf (Hütter, respektively) zusammen gemacht.

TJ:

Wie ist das wenn das dann so los geht und zu einem Riesen Kult Hit überall wird? Kannst du das Gefühl beschreiben das man hat, wenn man zum ersten Mal begeift, dass seine Musik einen Unterschied macht?

KB:

Ach, das ist so ähnlich wie mit dem älter werden. Man wundert sich bei jedem Geburtstag, dass jetzt noch ein weiteres Jahr dazu kommt aber es ist ja ein kontinuierlicher Prozess und „Das Modell“ ist glaube ich von 1977 und jetzt ist 2006. Das passiert dann so im laufe der vielen Jahre und der Jahrzehnte, das wird dann ein sogenannter „Evergreen“ und es gibt, ich weiss gar nicht wie viele Coverversionen.

Neulich habe ich in Paris ein DJ – Set gespielt und dort habe ich „Das Modell“ von den Cardigans gespielt, in deutsch gesungen. Das klingt unheimlich süß und viele machen das einfach halt auch als ...

TJ:

Tribut

KB: ja und als Spass irgendwie. Mit Coldplay das ist natürlich eine andere Sache. Die hatten vorher gefragt, ob sie „Computerliebe“ aufnehmen dürfen und wir haben das gestattet und das heisst jetzt bei denen „Talk“.

TJ:

Der ganze Gitarrenriff ist eure Melodie.

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Ja, ja, das ist eine sogenannte „Bearbeitung“ und da muss man halt vorher um Erlaubnis fragen.

TJ:

Da seid ihr aber relativ offen?

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Kommt darauf an. Also, es kommt darauf an, wer fragt und wie und auf die Situation gerade. Was heisst „offen“, klar.

TJ:

Ich meinte jetzt, dass Coldplay ja nun eine Band ist, die sehr bekannt ist. Wie sieht es aus mit kleineren Künstlern? Haben die eine Chance?

KB:

Ja, auf jeden Fall. Es gab mal so ein Tribute, das fanden wir alle sehr nett, da hat das jemand aufgenommen der hiess: „Senior Coconut“. Und zwar war das alles so aufgenommen, ich glaube zwei LPs hat der gemacht, der Künstler, so aufgenommen als würde das eine Südamerikanische Band spielen, live einspielen. Das war also ...

TJ:

Frischer Wind

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Ja, interessant..

TJ:

Jetzt mal zur elektronischen Musik – auf deinem „Communication“ Album singst du auch über „15 minutes of fame“. Der ganze Musikbusiness hat sich komplett geändert. Wie schwierig ist es denn, obwohl du ja ein sehr etablierter Künstler bist, wie schwierig ist es denn mit elektronischer Musik heutzutage als Künstler zu überleben?

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Also im „Wire“ – Magazin stand neulich mal ein sehr interessanter Bericht über Musik und wie sich das verändert hat. Und zwar hat der Autor gesagt: „Musik hat sich von einem Substantiv zu einem Verb entwickelt und ein Verb kann man einfach nicht mehr verkaufen.“

Und so ist es auch. So sehe ich das auch ähnlich. Früher war Musik eben etwas, was Image transportiert hat und heutzutage werden die Titel nicht mal mehr im Ipod angezeigt, die Titelnamen. Das ist eine ganz anonyme Datenmenge im binärischen Code und das ist es dann.

Musik transportiert sich heutzutage über die Medien, sprich: das Fernsehen und was dort funktioniert, das soll eigentlich gekauft werden, nur, zum Unterschied zu früher ist das heute mit einer Nummer Eins ... mit einer Nummer Eins single kann man überhaupt kein Geld mehr verdienen. Man kann mit Musik kein Geld mehr verdienen, es sei denn man gibt live Konzerte. Und da ist Musik eigentlich wieder dort, wo es vor 1877 war, vor Edison, bevor Edison die Musik von Zeit und Raum trennte.

TJ:

Und aufnehmen konnte.

KB:

Und aufnehmen konnte. Und da ist die Musik jetzt und da ist die Rezeption der Musik und die Wertschätzung der Musik eigentlich heute wieder angekommen. In der Aufzeichnung von Musik ist eine Geringschätzung heutzutage eher der Fall.

TJ:

Was ja eigentlich sehr schade ist. Mein Sohn ist 14 und fängt jetzt an Musik zu hören und zu begreifen, dass er die Erinnerungen die er da kriegt, mitnehmen kann.

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Ja natürlich.

TJ:

Er kauft sich jede Woche eine andere CD während ich früher noch 2, manchmal 5 Jahre auf ein neues Album meines Lieblingskünstlers gewartet habe. Das ist halt das andere Ding, ich weiss nicht, ob ihr Statistiken habt, aber die jüngere Generation, ich meine eure Platten, zumindest die Kraftwerk Platten werden überall gekauft, immer noch ..

KB:

Ja, wir sind da in einer Ausnahmesituation, da bin ich auch sehr dankbar, wie man sich vorstellen kann, aber ich spreche im allgemeinen über Musik. Wenn ich heutzutage eine neue Platte mache, wie „Communication“ oder so, dann profitiere ioch natürlich auch von dieser Reputation, diesem Ruf und meine Konzerte laufen eigentlich auch ganz gut und da verdiene ich das Geld.

Wenn ich ne Platte mache, selbst wenn ich ausführlich daran arbeite und die von Sony weltweit in 20 Territories vertrieben wird, das ist ein Witz was man da, also da kann man nicht von Leben. Da kann man kein Geld mehr mit verdienen. Aber bei einem Konzert ist das nach wie vor gegeben und ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich darüber traurig sein soll.

TJ:

Es ist natürlich für neuere ...

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Für neue Künstler gilt im Prinzip das gleiche: Es war eine ganz harte Nummer als vor 5 Jahren oder so die gesammte Record Industry zusammengebrochen ist. Das war Superhart und alle haben sich gefragt: „ Wo kommt denn das plötzlich her?“ und das lässt sich nur begründen, ich möchte das jetzt hier nicht näher ausführen, durch viele Faktoren, in der Vermarktung, die Plattenfirmen sind eigentlich selber Schuld, haben vorher die grossen Profite gemacht in den 80er Jahren durch die CD, als sie quasi die gesammt Weltmusik noch einmal neu verkauft haben.

Und jetzt geht eben nichts mehr. Und ich denke, die Chance die darin liegt ist eben nicht zuletzt auch eine Chance für die ganzen neuen Künstler. Ich meine, jeder Künstler ist ja irgendwann mal neu und muss mit den Gegebenheiten, mit den kulturellen Gegebenheiten und den Marktspezifischen Gegebenheiten der Jetzt-Zeit operieren. Und die jetzt eben in dieses Internet – Zeitalter herein wachsen, die können sich eben auch ganz anders präsentieren, als wir das konnten.

TJ: Das galube ich.

KB:

Bei uns gab es früher überhaupt keine Möglichkeiten; da gab es eine Fernsehsendung, wir haben Musikvideos gemacht und Filme noch auf 35mm, da gab es überhaupt keinen Marktplatz für.

Da gab es den „Beat Club“ und sonst nichts. Vielleicht noch „Aspekte“, eine Kultursendung. Da konnte man hingehen und live spielen und dann gab es den „Melody Maker“ und den „Musical Express“ – Ende!

TJ:

Wahnsinn

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Das waren die Möglichkeiten der Promotion – und man konnte live spielen. Heutzutage geht man in „Myspace“ ins Internet und hat sofort ein Millionenpublikum.

TJ:

Stimmt, ja.

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Die Spielregeln sind heute anders. Und eine junge Band hat heute auch unglaubliche Möglichkeiten der Vermarktung; die können mit einer CD nicht mehr 100 000 Stück verkaufen oder 200 000 oder 250, die Gewinnspanne ist extrem gering geworden. Niemand gibt mehr einer jungen Band einen Plattendeal aber das ist ja auch Scheissegal, weil sie haben das Internet zur Verfügung und können sich selbst vermarkten was dann letztlich dazu führt, dass sie viel mehr Geld verdienen.

TJ:

Reicht es denn wenn eine Band auftritt und sagt o.k., wir sind im Netz, oder ist es hilfreich wenn eine Band trotzdem halt sagt, wir nehmen eine CD auf? Die Preise sind ja heute nicht mehr so teuer heute in Studios um CDs zu machen.

KB:

Ne, ne, das macht man doch selber heutzutage am Computer.

TJ:

Ich meinte auch eher so das Artwork.

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Alles macht man selber – die Bands, die früher nur aus Musikern bestanden, die sind history. Die Band der Zukunft die wird bestehen aus einem Musiker, einem Graphiker oder sagen wir mal so, jemand der Audio-Visuell arbeitet. Die Bands werden audiovisuell werden.

TJ:

Gerade weil wir von Bands sprachen: Audiovision!

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Das ist mein Label.

TJ:

Da stand auch irgendwas hier auf deiner Website, dass sich deine 3 Mann Band „Audiovision“ nennt, oder?

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Ich firmiere jetzt unter Karl Bartos weil, ich hatte früher auch eine Band die hiess „Electric Music“ aber Karl Bartos ist eigentlich viel bekannter als irgenwie ein Bandname den ich jetzt in die Welt setzen würde. Das kann ich einfach nicht mehr toppen. Es gibt irgendwie eine halbe Millionen Einträge im Internet und wenn ich jetzt eine neue Band ins Leben rufe, dann habe ich vielleicht nur zwei, weisst du, und das ist einfach nur eine Vermarktungsangelegenheit.

Ich würde gerne nicht unter meinem Namen firmieren weil das ist immer komisch, wenn auf jedem Flightcase dann „Karl Bartos“ steht und überall und „mit welcher Band spielt er denn hier? Ja, mit Karl Bartos“ sagen die dann und irgendwie ist das nicht so supercool, aber ich kann es nun mal nicht ändern.

TJ:

Du bist halt auch in der glücklichen Position, dass dein Name Gewicht hat

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Der hat nicht so viel Gewicht wie Paul McCartney aber ...

TJ:

Also ich höre Kraftwerk seit den 70ern. Ich bin 67 geboren.

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Aha

TJ:

Und ich bin gross geworden mit euch, mache selbst elektronische Musik.

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Bist du selber Musiker, Thomas?

TJ:

Ich bin selber Musiker, ja. Habe meine eigene Website natürlich und neun Alben die super gefloppt sind (lach)

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Da musste noch eine neue machen.

TJ:

Ja, das ist der Plan. Ich bin gross geworden mit Kraftwerk und das einzige was ich halt hier so merke mit meinen Irischen und Englischen Kollegen ist, das die einfach nur Probleme haben, die Namen auszusprechen, das ist so deren Problem. David Bowie geht halt leichter von der Zunge als beispielsweise Karl Bartos oder Thomas Janak.

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Karl Bartoos sagen die immer. Ich war neulich in Birmingham.

TJ:

Ja, das habe ich gelesen. Und an dem Wocheneende als du in Birmingham warst, ich habe das auch erst zwei Tage vor dem Gig gelesen, und wir hatten schon Tickets gebucht für Alice Cooper .

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(amüsiert sich)

TJ:

Ja, ich weiss, was für ein Vergleich und ich konnte meine Freundin nicht mehr dazu bewegen umzuschwänken, zumal wir ja bereits Kraftwerk gesehen hatten.

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Wir sind aber nicht Kraftwerk

TJ:

Ich weiss (lacht) das ist auch sowas. Sie ist aus dem Osten der Republik und hatte noch nie von euch gehört. Und normalerweise singst du halt lieder irgendwie und Kraftwerk das ist mehr so ein Gefühl ... „boing, boom, tschak“

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Ein Konzept.

TJ:

Ja, ein Konzept. Ich habe ihr also „Boing, Boom, Tschak“ vorgesungen und sie hat mich nur angekuckt. Sie kannte die ganzen anderen Sachen wie „Autobahn“ und so.

KB:

„Das Modell“ kannte sie nicht?!

TJ:

Sie kannte „das Modell“, wusste aber nicht, ob es eure Version war.

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War wahrscheinlich „Rammstein“. Wir spielen dieses Jahr auch wieder in London.

The original is 45 minutes long and for editorial reasons had to be cut short here

See also:
Kraftwerk 1991
Kraftwerk 2004

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